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Margarethe Davids wurde am 27. November 1902 in Legden als Tochter von Moritz und Mathilde Seligmann geboren. Sie hatte mindestens zwei Geschwister: ihre drei Jahre ältere Schwester Friederike, die von der Familie Rika genannt wurde, und ihren vier Jahre jüngeren Bruder Karl. Über Margarethes Kindheit und Jugend sowie die ersten Jahre ihres Erwachsenenlebens wissen wir bislang leider nur sehr wenig.
Moritz Seligmann und sein Sohn Karl vor dem Haus der Familie. Mit AI geschärft und eingefärbt
Quelle: https://www.asj-legden.de
Rika Seligmann
Mit AI geschärft und eingefärbt
Quelle: Nachfahren Grete Davids
Um 1926 lernte Margarethe den aus Horstmar stammenden Viehhändler Karl Eichenwald kennen. Etwa ein Jahr später heirateten die beiden, und Margarethe zog zu ihrem Mann nach Horstmar. Bereits 1928 wurde ihr erster Sohn Helmut geboren. Drei Jahre später vergrößerte sich die Familie erneut: Am 26. Januar 1931 kam ihr zweiter Sohn Erwin zur Welt.
Zum Haushalt der Eichenwalds gehörte auch Karls Vater Samuel. Darüber hinaus beschäftigte Karl in seinem Viehhandel Hans Kulman, einen staatenlosen Mann, der ebenfalls bei der Familie lebte.
Dem Kreisleiter war die Familie Eichenwald offenbar schon seit Längerem ein Dorn im Auge. Nachdem Karls Vater und sein Bruder Horstmar verlassen hatten, waren Karl und Margarethe Eichenwald mit ihren beiden Kindern und ihrem Angestellten die letzten jüdischen Einwohner des Ortes. Die Gelegenheit, Horstmar schließlich als „judenfrei“ melden zu können, bot sich ihm wenige Monate nach der Pogromnacht.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch das Haus der Familie Eichenwald angegriffen. Karl wurde festgenommen und zunächst im Schuppen der örtlichen Feuerwehr eingesperrt. Margarethe floh unterdessen mit ihren beiden Kindern aus dem Haus. In dicke Decken gehüllt, machten sie sich in panischer Angt in der Dunkelheit zu Fuß auf den Weg zu Margarethes Vater ins rund 18 Kilometer entfernte Legden. Aus Angst vor den Verfolgern versteckten sie sich unterwegs immer wieder in Straßengräben.
Erst am frühen Morgen trafen sie auf einen ihnen bekannten Arzt aus der Umgebung. Er nahm Margarethe und die beiden Kinder in seinem Wagen mit und brachte sie den restlichen Weg nach Legden, wo sie schließlich bei ihrem Vater Zuflucht fanden.
Kreisleiter Weber, der bereits die Pogromnacht in Horstmar organisiert hatte und dafür nach dem Krieg angeklagt wurde, erzwang im Juni 1939 den Wegzug der Familie. Anschließend verkündete er stolz, Horstmar sei nun „judenrein“.
Die Familie fand bei Selig Wertheim in der Wasserstraße 25 in Burgsteinfurt Unterkunft. Das Gebäude gehörte inzwischen zu den fünf sogenannten „Judenhäusern“, in denen jüdische Menschen zwangsweise untergebracht wurden. Den einzigen Verdienst der Familie brachte Karl Eichenwald auf: Er wurde 1939 zur Zwangsarbeit verpflichtet und erhielt dafür etwa 80 bis 100 Reichsmark brutto.
Im Oktober 1941 erhielten zahlreiche jüdische Menschen in Burgsteinfurt die Nachricht, dass ihnen die Deportation „in den Osten“ bevorstand. Auch Gretes Vater und ihre beiden Geschwister waren davon betroffen. Rika zog anschließend mit ihrem Vater Moritz Seligmann im November 1941 von Legden nach Burgsteinfurt in das Haus an der Wasserstraße 25.
Möglicherweise waren auch Karl, Grete, Helmut und Erwin zunächst für die erste Deportation aus Burgsteinfurt vorgesehen. Sie wurden aber vorerst zurückgestellt. Am 10. Dezember 1941 wurden zunächst nur Gretes Schwester und ihr Vater abgeholt und über Münster nach Riga deportiert.
Grete und ihre Familie blieben zunächst in Burgsteinfurt zurück.
Am 24. Januar 1942 wurden Margarethe, ihr Mann Karl und ihre Söhne Helmut und Erwin aus dem Haus abgeholt und nach Gelsenkirchen gebracht. Mit ihnen verschleppte man die Witwe Paula Hirsch und deren Tochter Ruth. In Gelsenkirchen traf die Familie auf Karls Onkel Louis Eichenwald und dessen Angehörige.
Am 27. Januar 1942 setzte sich der Deportationszug in Bewegung. Nach fünf Tagen erreichte er am 1. Februar den Bahnhof Riga-Skirotawa. Bei Außentemperaturen von etwa minus 20 Grad Celsius mussten die von der Fahrt schwer gezeichneten Menschen den Zug verlassen. Margarethe und ihre Familie waren seit acht Tagen unterwegs. Nun stand ihnen noch ein etwa sechs Kilometer langer Fußmarsch zum Ghetto bevor.
Im Ghetto blieb die Familie zunächst längere Zeit zusammen. Margarethe begegnete dort auch ihrem Vater und ihrer Schwester wieder, die in einem anderen Häuserblock an der Bielefelder Straße untergebracht waren. Ihr Vater Moritz war von der Einteilung zu jener Gruppe von 500 Menschen verschont geblieben, die bei eisiger Kälte das Lager Salaspils errichten mussten.
Karl und Margarethe besorgten sich schnell eine Arbeit und kamen die ersten 1 ½ Jahre leidlich über die Runden. Vermutlich arbeiteten sie schon zu diesem Zeitpunkt für das ABA 701.
Im Sommer 1943 begann die schrittweise Auflösung des Ghettos Riga. Als arbeitsfähig eingestufte Menschen wurden in das Konzentrationslager Riga-Kaiserwald und dessen Außenlager überstellt. Viele der Zurückgebliebenen deportierte die SS im November 1943 nach Auschwitz.
Gretes Vater Moritz kam in das Außenlager Riga-Strasdenhof. Dort wurde er am 30. Oktober 1943 bei einer Mordaktion getötet, die als „Ü30-Aktion“ bezeichnet wird. Zu den Opfern gehörten auch die Burgsteinfurterin Hedwig Probstein, ihr Schwiegersohn Max Kutner und dessen Tochter Sonja.
Grete und ihre Familie wurden in das Außenlager ABA 701 Mühlgraben gebracht, vermutlich gemeinsam mit ihrer Schwester Rika. Dort mussten sie beschädigte, teilweise noch blutverschmierte Armeebekleidung reinigen und ausbessern. Margarethe und Karl waren inzwischen getrennt untergebracht und konnten sich nur gelegentlich für kurze Augenblicke an den Lagerzäunen sehen. Die Kinder blieben zunächst bei ihrer Mutter. Sofern sie nicht zur Arbeit eingesetzt wurden, konnten sie während ihrer Abwesenheit in einem großen Saal zurückbleiben.
Am 27. April 1944 fand die sogenannte „Krebsbach-Aktion“ statt. Unter Beteiligung des SS-Arztes Eduard Krebsbach wurden Kinder und als nicht arbeitsfähig eingestufte Häftlinge selektiert. Auch Helmut und Erwin wurden von ihrer Mutter getrennt. Seit Juli 1944 befanden sich beide im Konzentrationslager Stutthof.
Am 9. August 1944 wurde auch Karl nach Stutthof gebracht. Er blieb dort nur etwa eine Woche, bevor ihn die SS nach Buchenwald weitertransportierte. Ob er seine Söhne während dieses kurzen Aufenthalts noch einmal sah, ist nicht bekannt. Helmut und Erwin wurden am 10. September 1944 nach Auschwitz deportiert und dort wenig später ermordet – nur wenige Monate vor der Befreiung des Lagers. Auch Karl erlebte das Kriegsende nicht. Er starb 1945 unter ungeklärten Umständen in einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Bochum.
Grete und ihre Schwester Rika erreichten Stutthof erst am 13. November 1944. Zu diesem Zeitpunkt waren Karl und die beiden Jungen bereits in andere Lager verschleppt worden. Was Grete damals über deren Verbleib wusste, lässt sich nicht feststellen. In Stutthof verliert sich Rikas Spur. Die Häftlinge waren dort Hunger, Kälte und schwersten Misshandlungen ausgesetzt. Zu den überlieferten Quälereien gehörte, Menschen bei winterlichen Temperaturen nackt im Freien stehen zu lassen und mit eiskaltem Wasser zu übergießen. Ob Rika einer solchen Misshandlung, einer Mordaktion oder den entsetzlichen Haftbedingungen zum Opfer fiel, ist nicht geklärt.
Margarethe überlebte die Haft in Stutthof und musste ab dem 25. Januar 1945 auf einen der Todesmärsche. Die bereits geschwächten Menschen wurden bei winterlicher Kälte über weite Strecken getrieben, oft ohne ausreichende Nahrung, Trinkwasser oder schützende Kleidung. Viele starben an Erschöpfung, Hunger und Kälte. Wer nicht mehr weitergehen konnte oder zurückblieb, oder sich das Essen und Wasser aus den Trögen der umliegenden Weiden zu holen, wurde erschossen.
Grete Eichenwald überlebte die Lager und den Todesmarsch schwer gezeichnet; aber sie lebte. auch wenn Sie mit ihrer Familie, ihrer Schwesterm Bruder und Vater, sowie ihren Schwager und Schwägerinnen sowie Neffen und Nichten insgesamt 16 Menschen während der Shoah verloren hat.

Eduard Krebsbach (1894–1947) war ein deutscher Arzt und SS-Sturmbannführer, der von 1941 bis 1943 als SS-Standortarzt im Konzentrationslager Mauthausen tätig war. Dort war er an der systematischen Ermordung von Häftlingen beteiligt; insbesondere wurden unter seiner Verantwortung nicht mehr als arbeitsfähig eingestufte Gefangene durch tödliche Injektionen, unter anderem mit Phenol, ermordet. 1943 wurde Krebsbach nach Riga versetzt, wo er als leitender Lagerarzt im KZ Kaiserwald tätig war und an Selektionen von Häftlingen beteiligt war. Nach dem Krieg wurde er im Mauthausen-Hauptprozess vor einem US-Militärgericht in Dachau angeklagt und zum Tode verurteilt. KZ-Gedenkstätte Mauthausen Am 28. Mai 1947 wurde Eduard Krebsbach im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg hingerichtet.
Die sogenannte Krebsbach-Aktion war eine groß angelegte Selektion im KZ Riga-Kaiserwald und seinen Außenlagern Ende Juli 1944, benannt nach dem SS-Lagerarzt Eduard Krebsbach. Im Zuge der bevorstehenden Räumung der Lager wurden vor allem Kinder und Jugendliche sowie ältere, kranke und als nicht mehr arbeitsfähig eingestufte Häftlinge ausgesondert. Die Selektierten wurden anschließend ermordet, vielfach durch Erschießungen in den Wäldern bei Riga. Die Angaben zu Alter, Datum und Zahl der Opfer unterscheiden sich je nach Lager und Quelle; für die zentrale Aktion in Kaiserwald wird häufig der 28. Juli 1944 genannt. Die weiterhin als arbeitsfähig eingestuften Häftlinge wurden anschließend größtenteils in das KZ Stutthof verschleppt.
Nach ihrer medizinischen Versorgung kehrte Grete Eichenwald nach Horstmar zurück. Ein Zeh musste ihr amputiert werden. Über weitere körperliche Folgen der Verfolgung liegen hier keine näheren Angaben vor. Später lebte sie in Burgsteinfurt. Als 1946 ein Ausschuss für die Opfer des Nationalsozialismus eingerichtet wurde, kandidierte Grete und wurde als Mitglied gewählt. Damit setzte sie sich nach ihrer eigenen Verfolgung für die Belange anderer Betroffener ein.
Auch nach ihrem Wegzug aus Deutschland blieb sie dort offenbar noch längere Zeit gemeldet, zumindest bis 1951 und darüber hinaus. Der Grund war einfach: da es das Bundesentschädigungsgesetz erst ab 1953 gab, waren zuvor nur Personen entschädigungsberechtigt, die in Deutschland lebten. Man handelte in ihrem Fall also ähnlich wie bei Adolf Buchheim, der eine Adresse vom Stadtdirektor Naber erhalten hatte und in Woerden in den Niederlanden lebte.
1948 heiratete Grete erneut. Es war Rudolf Davids, der ebenfalls in Burgsteinfurt gelebt hat, aber 1939 mit seinem Bruder Georg und seiner Mutter nach Chile geflohen war. Grete lebte dort mit ihrem Mann ihrer Schwiegermutter Emma Davids und ihrem Schwager Georg auf einer Farm.
In Chile kümmerte sich Margarethe um die Kinder von Pitrufquen. Ihre Liebe die sie ihren Kindern nicht mehr geben konnte, gab sie nun völlig den einheimischen Kindern und wurde somit zu einer sehr geschätzten Persönlichkeit im Ort. Am 15. November 1973, sechs Tage nach dem 35. Jahrestag der Pogromnacht verstarb ihr Mann im Alter von 73 Jahren. Fortan lebte sie mit ihrem Bruder allein weiter auf der Farm.
Am 25. Februar 1983, drei Monate nach ihrem 80. Geburtstag, schloss Grete die Augen für immer. Die Trauer war groß im Dorf, als man von ihrem Tod erfuhr.
Henny und Louis in San Francisco nach ihrer Ankunft.
Mit AI geschärft und gefärbt.
Quelle: Kenneth Jacobs
Quellen: Quellen: StA Steinfurt, Geburts- und Sterberegister , https://www.asj-legden.de/aktuelles/detail/news/juedische-geschichte-in-legden/?size=150&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=4d0e2a8e4d8224e4b1b963294e6a226f,, Stolpersteine Horstmar.