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Louis Bendix wurde am 6. November 1881 als drittes von insgesamt sechs Kindern der Eheleute Adolf und Emilie Bendix in Burgsteinfurt geboren. Seine Geschwister waren Moritz (*1878), Ida (*/+1880), Paula (*1883), Ellie (*1886) und Thekla (*1892). Die Familie Bendix war dort bereits seit Generationen ansässig und traditionell im Fleischerhandwerk tätig. Ihre Anwesenheit in Burgsteinfurt lässt sich mindestens bis in das Jahr 1796 zurückverfolgen. Louis’ Vater Adolf hatte gegenüber seinen Vorfahren einen deutlichen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg erreicht. Während frühere Generationen der Familie noch als Schlachter ihre Waren mit einem Hundekarren durch die Straßen transportierten und direkt an den Haustüren zum Verkauf anboten, betrieb Adolf inzwischen in der Steinstraße 4–6 eine eigene, gut gehende Metzgerei mit Ladenlokal. Louis wuchs damit nicht mehr in den eher bescheidenen Verhältnissen seiner Vorfahren auf, sondern wurde in eine wirtschaftlich vergleichsweise abgesicherte Familie hineingeboren.
Adolf Bendix
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Quelle: Kenneth Jacobs
Ellie Simons geb. Bendix um 1920
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Quelle: Einwanderungsunterlagen USA
Paula Katzmann, geb. Bendix, um 1945
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Quelle: Einwanderungsunterlagen USA
Thekla Nathan geb. Bendix, um 1960
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Quelle: Nachfahren Nathan
Ab 1887 besuchte Louis die jüdische Volksschule, die nur etwa 20 Meter von seinem Elternhaus entfernt lag und erst kurz zuvor neu errichtet worden war. Dort wurde er von dem Lehrer Salomon Braun unterrichtet. 1892 verließ Louis die jüdische Volksschule und wechselte auf das Gymnasium Arnoldinum, das sein älterer Bruder Moritz bereits seit 1887 besuchte.
Dass Adolf Bendix gleichzeitig zwei seiner Söhne den Besuch des Gymnasiums ermöglichen konnte, ist ein weiterer Hinweis auf die vergleichsweise guten wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie. Das Schulgeld für beide Söhne dürfte zusammen etwa 25 bis 30 Prozent seines Einkommens ausgemacht haben. Louis verließ das Arnoldinum jedoch – anders als sein Bruder Moritz – ohne Abschluss. Möglicherweise stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest, dass er später die väterliche Metzgerei übernehmen sollte. Moritz hingegen hatte offenbar schon früh den Wunsch geäußert, auszuwandern, und setzte diesen Plan gegen Ende des 19. Jahrhunderts schließlich um: Er emigrierte in die Vereinigten Staaten.
Nach seiner Zeit am Gymnasium, vermutlich um 1894 oder 1895, begann Louis eine Ausbildung zum Metzger und trat damit beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und seiner Vorfahren. Wo er das Handwerk erlernte, lässt sich bislang nicht feststellen. Denkbar ist eine Ausbildung im väterlichen Betrieb, in einer anderen Burgsteinfurter Metzgerei oder auch außerhalb der Stadt.
Es ist anzunehmen, das Louis wie alle Männer seinen dreijährigen Militärdienst ableistete und für ca. 3 Jahre abwesend war. Eindeutig belegen können wir das aufgrund fehlender Akten leider nicht.
Am 23. September 1905 starb Emilie Bendix offenbar unerwartet im Alter von nur 56 Jahren. Ihr Tod traf die Familie schwer. Die Geschwister fassten daraufhin einen besonderen Entschluss: Jeder von ihnen versprach, eine zukünftige Tochter nach der verstorbenen Mutter Emilie zu benennen. Auch Moritz Bendix, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Jahren in den USA lebte, schloss sich diesem Versprechen an. Und so viel sei vorweggenommen: Alle Geschwister hielten später ihr Wort. Kurz nach Emilies Tod kauften Adolf Bendix und sein Sohn Louis das Haus in der Wasserstraße 3, nur wenige Meter von ihrem bisherigen Wohnhaus entfernt. Dort lebte Adolf fortan mit seinen Kindern Louis, Paula und Thekla. Das neue Geschäft bot deutlich mehr Platz und lag vermutlich auch günstiger und prominenter im Stadtbild. 1912 heiratete Paula und zog in das unmittelbar benachbarte Haus. Damit lebten schließlich nur noch Adolf, Louis und Thekla gemeinsam im Haus an der Wasserstraße.
Am 15. März 1914 heirateten Louis Bendix und Henny Pels. Die religiöse Trauung fand in der Synagoge in Leer, Hennys Heimatstadt, statt; die standesamtliche Eheschließung erfolgte dagegen in Burgsteinfurt. Nach der Hochzeit ließ sich das Paar nicht in Leer, sondern in Burgsteinfurt nieder. Für Louis dürfte diese Entscheidung naheliegend gewesen sein: Hier lebte sein Vater, hier befand sich die seit Jahren bestehende Metzgerei der Familie und hier war Louis offenbar als dessen Nachfolger vorgesehen. Damit war zugleich der Grundstein dafür gelegt, dass er den Familienbetrieb in der nächsten Generation weiterführen konnte.
Als Louis und Henny heirateten, ahnten sie vermutlich ebenso wenig wie die meisten ihrer Zeitgenossen, wie grundlegend sich ihr Leben schon wenige Monate später verändern würde. Zwar war die politische Lage in Europa seit Jahren angespannt, die Großmächte rüsteten auf und die Balkankriege hatten erst kurz zuvor die Gefährlichkeit der internationalen Spannungen vor Augen geführt. Doch im März 1914 bestand keine akute Kriegskrise, und frühere Konflikte zwischen den europäischen Mächten waren immer wieder auf diplomatischem Wege beigelegt worden. Nur dreieinhalb Monate nach ihrer Hochzeit fiel am 28. Juni 1914 in Sarajevo der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand einem Attentat zum Opfer. Die darauf folgende Julikrise brachte innerhalb weniger Wochen das fragile europäische Machtgefüge zum Einsturz. Anfang August befand sich Deutschland im Krieg. Aus dem gerade begonnenen gemeinsamen Leben von Louis und Henny wurde damit innerhalb weniger Monate ein Leben im Krieg.
Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs bestand auch für Louis die Gefahr, zum Militärdienst eingezogen zu werden. Mit seinen 33 Jahren gehörte er durchaus noch zu den Männern, die für einen Kriegseinsatz infrage kamen. Dennoch blieb ihm die Einberufung offenbar erspart. Welche Gründe dafür ausschlaggebend waren, ist nicht überliefert. Möglicherweise spielte seine familiäre und berufliche Situation eine Rolle: Henny war kurz nach Kriegsbeginn mit ihrem ersten Kind schwanger geworden, und Louis war der einzige Sohn, der noch in Burgsteinfurt lebte und die Metzgerei weiterführen konnte. Sein Vater Adolf war inzwischen über 70 Jahre alt. Auch ohne selbst an die Front zu müssen, bekam Louis die Auswirkungen des Krieges bald unmittelbar zu spüren. Zunächst war Fleisch noch vergleichsweise gut verfügbar. Bereits im Laufe des Jahres 1915 verschlechterte sich die Versorgung jedoch erheblich. Durch den Krieg und die britische Seeblockade fehlten zunehmend importierte Futtermittel, während gleichzeitig große Mengen an Lebensmitteln für die Versorgung des Militärs benötigt wurden. Der Staat griff deshalb immer stärker in die Lebensmittelversorgung ein und führte Höchstpreise, Bewirtschaftungsmaßnahmen und schließlich Rationierungen ein.
Für einen Metzger waren die Folgen besonders deutlich. In Westfalen ging der Rinderbestand während des Krieges um 17,6 Prozent zurück. Noch dramatischer entwickelte sich die Schweinehaltung. Wegen des zunehmenden Futtermangels wurden 1915 in großer Zahl Schweine vorzeitig geschlachtet. Dadurch stand zunächst ungewöhnlich viel Fleisch zur Verfügung – doch dieser kurzfristige Überfluss verschärfte anschließend die Knappheit, weil nun die Tiere fehlten. Die Fleischversorgung geriet zunehmend unter Druck, die Preise stiegen stark, und mit der Einführung staatlicher Höchstpreise Ende 1915 verschwand Fleisch teilweise nahezu vollständig vom regulären Markt.
Mitten in diese zunehmend schwierige Zeit fiel für Louis und Henny ein einschneidendes privates Ereignis: Im Juni 1915 brachte Henny ihr erstes Kind zur Welt. Die Tochter erhielt den Namen Emilie – nach Louis’ zehn Jahre zuvor verstorbener Mutter und entsprechend der Vereinbarung, die Louis und seine Geschwister zu deren Andenken getroffen hatten.
Ab 1916 verschärften sich die Bedingungen für Louis und seine Berufskollegen noch einmal deutlich. Der Staat griff nun immer stärker in die Versorgung mit Fleisch und Wurst ein und regelte sowohl deren Verteilung als auch den Verkauf. Mit der Einführung von Fleischkarten wurde genau festgelegt, welche Mengen die Bevölkerung überhaupt noch beziehen durfte. Für Louis bedeutete dies, dass er seinen Betrieb nicht mehr wie vor dem Krieg führen konnte: Vieh ließ sich nicht mehr nach Bedarf einkaufen, schlachten und anschließend frei verkaufen. Stattdessen bestimmten zunehmend staatliche Vorgaben, Zuteilungen und Höchstpreise den Alltag in der Metzgerei.
Hochzeit von Henny und Louis im Jahr 1914
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Quelle: Kenneth Jacobs
Helga und Emilie 1923
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Quelle: Kenneth Jacobs
Emilie und Henny 1925
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Quelle: Kenneth Jacobs
Adolf Bendix starb am 4. März 1920 im Alter von 77 Jahren. Er hatte noch die letzten Jahre des Kaiserreichs, den Ersten Weltkrieg und schließlich den politischen und gesellschaftlichen Umbruch nach der deutschen Niederlage von 1918 erlebt.
Nur sieben Monate nach seinem Tod verließ ein weiteres Mitglied der Familie Burgsteinfurt: Seine jüngste Tochter Thekla heiratete und zog nach Emmerich ins Rheinland. Damit war Louis – abgesehen von einem entfernten Verwandten – das letzte Mitglied der einst großen Familie Bendix, das noch in Burgsteinfurt lebte.
Für Louis und seine Frau Henriette begann zugleich ein neuer Lebensabschnitt. Henriette war erneut schwanger und brachte am ersten Weihnachtstag 1920 ihre Tochter Helga zur Welt. Die Familie bestand nun aus Louis, Henriette und ihren beiden Töchtern. Im selben Jahr erreichte Louis eine überraschende Nachricht: Ihm wurde noch eine Auszeichnung des früheren Kaisers übermittelt – zu einem Zeitpunkt, als Wilhelm II. bereits seit fast zwei Jahren nicht mehr deutscher Kaiser war und im niederländischen Exil lebte. Das entsprechende Schreiben wurde Louis vom Burgsteinfurter Bürgermeister Herberholz überreicht. Darin heißt es:
Auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Königs bezeugt die Generalkommission für die Angelegenheiten der Königlich Preußischen Orden hiermit, dass Seine Majestät dem Metzgermeister Louis Bendix in Burgsteinfurt das Verdienstkreuz für Kriegshilfe zu verleihen geruht hat.
Warum Louis Bendix das Verdienstkreuz für Kriegshilfe erst zu diesem späten Zeitpunkt erhielt, bleibt unklar. War die Auszeichnung bereits früher verliehen, aber noch nicht überreicht worden? Hatte sich die Verleihung aus anderen Gründen verzögert? Oder spielte möglicherweise die Tatsache eine Rolle, dass Louis Jude war? Die überlieferten Unterlagen geben darauf bislang keine eindeutige Antwort. Neben Louis Bendix sollte auch der Kaufmann Fritz Niggeling mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet werden. Dieser lehnte die Ehrung jedoch ab.
Das Jahr 1923 dürfte auch für die Familie Bendix eine einschneidende Zeit gewesen sein. Die Hyperinflation erreichte in Deutschland ihren Höhepunkt und vernichtete innerhalb weniger Monate die Ersparnisse zahlloser Menschen. In welchem Umfang Louis davon betroffen war, lässt sich nicht mehr feststellen. Als selbstständiger Metzger und Familienvater wird er die wirtschaftlichen Verwerfungen jedoch unmittelbar zu spüren bekommen haben. Im selben Jahr gab es für die Familie auch einen erfreulichen Anlass: Henriettes Schwester Jeanette Pels heiratete Adolf Buchheimer und zog ebenfalls nach Burgsteinfurt. Ihr neues Zuhause lag nur etwa 100 Meter von dem der Familie Bendix entfernt. Die beiden Schwestern Henriette und Jeanette lebten damit wieder in unmittelbarer Nachbarschaft und konnten sich regelmäßig sehen.
In den folgenden Jahren scheint Louis Bendix seine Metzgerei erfolgreich weitergeführt zu haben. Auch die Weltwirtschaftskrise, die Deutschland ab 1929 schwer traf, brachte die Familie offenbar nicht unmittelbar in existenzielle Not. Louis konnte seine Familie weiterhin versorgen und seiner Tochter Emilie eine weiterführende Schulbildung ermöglichen. Nach dem Besuch der jüdischen Volksschule wechselte sie auf die Höhere Mädchenschule.
Doch diese Jahre relativer Sicherheit waren nur eine Momentaufnahme. Bereits 1925 war in Burgsteinfurt eine Ortsgruppe der NSDAP entstanden. In den folgenden Jahren gewann die Partei auch vor Ort an Bedeutung und ihre antisemitische Agitation richtete sich zunehmend gegen die jüdischen Einwohner der Stadt.
Schon wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet Louis Bendix ins Visier der SA. Am 24. März 1933 drangen SA-Angehörige in seine Metzgerei ein und beschlagnahmten die Fleischermesser, die dort für den Schächter der jüdischen Gemeinde, Julius Meyer, bereitlagen. Damit wurde Louis – wie auch den anderen jüdischen Metzgern – die Möglichkeit genommen, weiterhin koscheres Fleisch anzubieten.
Nahezu zeitgleich bekam er die zunehmende Diskriminierung auch wirtschaftlich zu spüren. Ende März 1933 musste Louis mit Unterstützung seiner Berufsgenossenschaft Einspruch gegen seinen Gewerbesteuerbescheid einlegen. Anders als in den Jahren zuvor waren bestehende Schulden in Höhe von 3.700 Reichsmark bei der Berechnung plötzlich nicht mehr berücksichtigt worden. Dadurch wurde sein Geschäftskapital mit 8.900 statt mit 5.200 Reichsmark angesetzt – mit der Folge, dass sich seine Steuerlast nahezu verdoppelte. Der Einspruch hatte Erfolg, und zunächst wurde wieder die bisherige Berechnungsgrundlage angewandt. Diese Regelung blieb bis 1937 bestehen. Am 31. März 1933 fand in Burgsteinfurt der Boykott jüdischer Geschäfte statt – einen Tag vor der reichsweiten Boykottaktion vom 1. April. Die jüdischen Geschäftsinhaber hatten ihre Läden zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits geschlossen.
Mitte 1933 verließ Louis' älteste Tochter Emilie Burgsteinfurt und ging in die Niederlande, wo sie eine Ausbildung zur Sekretärin begann. Der Kontakt zwischen ihr und den Eltern wurde zunehmend schwierig. Die Korrespondenz mit dem Ausland weckte das Misstrauen von Gestapo und NSDAP. Die Behörden befürchteten offenbar, Louis könne seiner Tochter über die Verfolgung und die Zustände in Deutschland berichten und damit dem Ansehen des Deutschen Reiches im Ausland schaden. Seine Briefe wurden deshalb kontrolliert; vermutlich erreichten nicht alle ihren Bestimmungsort. Auch Emilies Briefe an ihre Eltern unterlagen der Überwachung.
Unterdessen verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage von Louis immer weiter. Zunächst hatte er noch Fleisch von jüdischen Viehhändlern beziehen und an seine jüdische Kundschaft verkaufen können. Doch auch dieser kleine Absatzmarkt schrumpfte, weil immer mehr jüdische Einwohner Burgsteinfurt verließen und die wirtschaftliche Not der Zurückgebliebenen zunahm.
Ab 1937 verschärfte sich die Situation zusätzlich. Änderungen im Steuerrecht belasteten jüdische Gewerbetreibende, während ihnen gleichzeitig immer mehr Möglichkeiten genommen wurden, ihren Beruf überhaupt noch auszuüben. Jüdische Viehhändler konnten kaum noch Tiere von Bauern erwerben und waren zunehmend vom Schlachtbetrieb ausgeschlossen. Damit fehlte auch den jüdischen Metzgern die notwendige Ware. Gleichzeitig konnten sich viele der noch in Burgsteinfurt lebenden jüdischen Familien Fleisch nur noch selten leisten. Die wirtschaftliche Existenz von Louis Bendix wurde so Schritt für Schritt zerstört.
Am Abend des 18. März 1938 zog anlässlich des „Anschlusses“ Österreichs ein Fackelmarsch von SA und NSDAP durch Burgsteinfurt. Er endete am Denkmal auf dem Markt – nur etwa 50 Meter vom Haus der Familie Bendix entfernt. Für eine jüdische Familie, die seit Jahren Ausgrenzung und Verfolgung erlebte, muss eine solche öffentliche Machtdemonstration bedrohlich gewirkt haben. Ob dieser Abend unmittelbar den Entschluss zur Flucht auslöste, lässt sich nicht belegen. Fest steht jedoch, dass sich der Handlungsspielraum der Familie immer weiter verengte. Neue Verordnungen und Verbote schlossen Juden zunehmend aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben aus.
Am 26. April 1938 erließ die nationalsozialistische Regierung die „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“. Sie verpflichtete Juden, deren Vermögen 5.000 Reichsmark überstieg, ihren gesamten Besitz im In- und Ausland offenzulegen. Auch die Familie Bendix war davon betroffen. Nur wenige Wochen später folgte der nächste schwere Einschnitt. Der 28. Mai 1938 bedeutete für die jüdischen Gewerbetreibenden in Burgsteinfurt faktisch das Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz. Fast alle wurden gezwungen, ihre Geschäfte zu schließen und ihre Gewerbe abzumelden. Teilweise geschah dies unter unmittelbarem Druck, durch Gewalt oder die Androhung rechtlicher Konsequenzen.
Auch Louis Bendix wurde unter Druck gesetzt. Ihm drohte man mit einem Verfahren wegen eines angeblichen Verstoßes gegen die Höchstpreisvorschriften. Zwei Tage später existierten – mit Ausnahme des Geschäfts seines Schwagers Adolf Buchheimer – praktisch keine jüdischen Geschäfte mehr in Burgsteinfurt. Nach Jahrzehnten hatte auch die Metzgerei Bendix aufgehört zu bestehen.Für Louis Bendix und seine Familie wurde damit immer deutlicher: Eine Zukunft in Deutschland gab es für sie kaum noch.
Fackelmarsch der Nationalsozialisten im ärz 1938, der durch die Stadt führte und auf dem Markt endete. Im Hintergrund das Haus Wasserstraße 1, in dem die jüdische Familie Humberg lebte, Nachbarn der Familie Bendix, die zwei Häuser weiter lebten.
Quelle: Stadtarchiv Steinfurt, Fotosammlung
In dieser ausweglos erscheinenden Situation erhielt die Familie unerwartete Unterstützung. Ausgerechnet der Burgsteinfurter Bürgermeister Dr. Walter Schumann, der zunächst selbst ein überzeugter Nationalsozialist gewesen war, half Louis und seiner Familie dabei, innerhalb kürzester Zeit die Voraussetzungen für ihre Auswanderung zu schaffen. Das Haus musste verkauft, Formalitäten erledigt und die notwendigen Papiere beschafft werden. Bereits am 17. Juni 1938 konnte Louis nach Stuttgart reisen, wo die Visa für ihn und seine Frau in ihre Pässe eingetragen wurden.
Sein Haus in der Wasserstraße musste Louis weit unter seinem tatsächlichen Wert an einen Messerhändler verkaufen. Von dem ohnehin geringen Erlös blieb der Familie kaum etwas. Das Geld wurde unter anderem für das Umzugsgut und die Reichsfluchtsteuer benötigt. Die nationalsozialistische Verfolgung hatte Louis damit nicht nur seine berufliche Existenz genommen, sondern ihn auch gezwungen, sein Eigentum unter erheblichem wirtschaftlichem Druck aufzugeben.Wie der damalige Käufer Jahrzehnte später über Louis Bendix dachte, dokumentiert eine 1980 von Schülern des Gymnasiums Arnoldinum erarbeitete Veröffentlichung über die Judenverfolgung in Burgsteinfurt. Darin wird er mit den Worten zitiert:
„Bendix, soll ich Ihnen sagen, was ich von ihm halte, er war ein Jude – so wie man sich Juden landläufig vorstellt.“
Am 5. Oktober 1938 war schließlich der Tag des Abschieds gekommen. Louis, Henny und ihre Tochter Helga verließen Burgsteinfurt und reisten zunächst in die Niederlande. Dort trafen sie noch einmal ihre Tochter Emilie. Helga blieb bei ihrer Schwester zurück, während ihre Eltern unmittelbar nach England weiterreisten. Von Southampton aus gingen Louis und Henny am 8. Oktober an Bord der „SS Washington“, die sie nach New York bringen sollte. Eigentlich hätte die Familie gemeinsam auswandern wollen. Doch zunächst standen nur zwei Quotenvisa zur Verfügung. Eine wichtige Voraussetzung für die Einreise in die Vereinigten Staaten war zudem die finanzielle Bürgschaft durch Personen, die bereits dort lebten. Diese sogenannten Affidavits übernahmen zwei jüdische Bürger aus San Francisco: der Buchhalter Arie Neustat, wohnhaft am 1800 Broadway, und der Physiker Max Honigbaum aus der 516 Sutter Street.
Für Louis und Henny Bendix begann damit ein neues Leben – allerdings ohne ihre beiden Töchter. Emilie und Helga blieben zunächst in Europa zurück.
Der Neuanfang in den USA gestaltete sich für die Familie Bendix schwierig. Hatte sie in Deutschland noch zur oberen Mittelschicht gehört, musste sie sich in ihrer neuen Heimat unter deutlich bescheideneren Verhältnissen ein neues Leben aufbauen. Nahezu mittellos kamen Louis und Henny Bendix im Alter von 57 beziehungsweise 50 Jahren in San Francisco an. Louis fand Arbeit als Packer in einer Kartonagenfabrik, wo er lediglich 100 US-Dollar verdiente. Ihre Tochter Emilie, die später ebenfalls nach San Francisco übersiedelte, unterstützte ihre Eltern, so gut sie konnte.
Henny und Louis in San Francisco nach ihrer Ankunft.
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Quelle: Kenneth Jacobs
1948 kam es zu einer bemerkenswerten Begebenheit: Louis und Henny Bendix unterstützten den ehemaligen Burgsteinfurter Bürgermeister Dr. Walter Schumann bei dessen Entnazifizierungsverfahren. Neben einem persönlichen Dankesbrief verfassten sie auch eine Stellungnahme an den zuständigen Entnazifizierungsausschuss. Darin äußerten sie sich wie folgt:
»Louis Bendix und Henriette Bendix, die zuvor vereidigt wurden und jeweils erklären, dass sie Bürger der Vereinigten Staaten sind, erklären: Dr. Walter Schumann ist ihnen gut bekannt; sie kannten ihn, als er Bürgermeister von Burgsteinfurt war; er hat während der Hitler-Regierung großen Mut bewiesen, indem er den Juden auf jede erdenkliche Weise half. Dass er manchmal so weit ging, seine Karriere zu gefährden, indem er deutschen Juden half; dass er uns half, die Vereinigten Staaten zu erreichen; dass wir diese eidesstattliche Erklärung abgeben, weil wir glauben, dass er kein Nazi ist und für sein Amt als Bürgermeister von Burgsteinfurt gut geeignet ist.
Gezeichnet Louis Bendix Henriette Bendix«
In ihrem persönlichen Brief an Dr. Schumann, der eigentlich ein früher nationalsozialist war, schrieb das Ehepaar:
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schumann!
Wir haben uns sehr gefreut, als wir heute durch eine Nachricht aus Ihrer alten Heimat erfahren haben, dass Sie noch am Leben sind. Es hat uns immer sehr leid getan, dass Ihre Frau so viel leiden musste, aber wir waren froh, dass es dem kleinen Hans gut geht. Ich habe 8 Jahre und 3 Monate gewartet, um Ihnen aus tiefstem Herzen dafür danken zu können, dass Sie uns geholfen haben, von hier wegzukommen, und das in der Notzeit von 1933 bis 1938, ohne Rücksicht auf Ethnie und Religion, nur wegen der Großzügigkeit, der Menschlichkeit, die Ihre Existenz wagte. Wir werden nie vergessen, auf welch gütige Weise Sie uns geholfen haben, uns in den schwersten Tagen unseres Lebens beigestanden haben- sowohl als Bürgermeister als auch geleitet von Ihren menschlichen Gefühlen. Sie hatten für jeden Juden in Burgsteinfurt ein offenes Ohr - egal, ob er reich oder arm war. Sie hatten ihr Büro für alle offen gehalten und hatten für jeden ein freundliches Wort. Sie haben jedem von ihnen geholfen - als Bürgermeister und als großzügiger Mensch.Wir sind überrascht, aus einem Brief zu erfahren, dass Sie nicht mehr Bürgermeister sind. Sie haben nur die Interessen der Stadt Burgsteinfurt vertreten. Während der Nazizeit haben Sie den Juden geholfen, auch meiner Familie, und wir schicken Ihnen gerne ein Zeugnis, das beweist, was Sie für uns alle getan haben. Hätten wir mehr Menschen wie Sie, Herr Dr. Schumann, wäre Deutschland heute in besserer Verfassung. Wenn es nötig sein sollte, sind wir sicherlich alle bereit, an Ihre Vorgesetzten oder an eine beliebige Stelle zu schreiben.
Wir sind seit drei Jahren amerikanische Staatsbürger, und jetzt werde ich Ihnen sagen, was Sie mir einmal gesagt haben: »Verlieren Sie nicht den Mut, Frau. Bendix - verzweifeln Sie nicht - der alte Gott lebt noch«. - Ich werde nicht mehr lange leben, deshalb möchte ich Ihnen danken - ich danke Ihnen so sehr aus dem fernen Land Amerika - im Namen der armen Menschheit, die so schwer geprüft wird - den Juden. Es muss eine Belohnung in dieser Welt geben. Gott segne Ihre tapfere Frau und Sie und den lieben kleinen Hans und alles Gute für Sie. - Immer dankbar Henny Bendix.
Mein Mann und meine Kinder lassen Sie herzlich grüßen. Ein eingeschriebener Brief wird folgen.
In ihrem Brief deutete Henny Bendix an, dass ihr Tod nicht mehr fern sei. Tatsächlich verstarb sie am 14. November 1952, weniger als vier Jahre nach dem Verfassen des Briefes, im Alter von nur 65 Jahren. Ihr Ehemann Louis überlebte sie nur um acht Monate. Er starb am 19. Juli 1953 im Alter von 71 Jahren.
Obwohl Louis Bendix und seiner Familie die Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung noch rechtzeitig gelang, blieb auch seine Familie nicht von den Schrecken der Shoah verschont.
Seine Schwester Thekla Nathan wurde 1941 gemeinsam mit ihrem Ehemann Moritz und den beiden Töchtern Emilie und Sophie in das Ghetto Riga deportiert. Dort wurde Moritz bereits kurze Zeit später ermordet. Thekla und ihre Töchter wurden 1943 in das Konzentrationslager Riga und 1944 in das KZ Stutthof verschleppt. Im Januar 1945 mussten alle drei einen Todesmarsch antreten, den sie glücklicherweise überlebten.
Auch Louis’ andere Schwester, Paula Katzmann, wurde Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Während der Novemberpogrome 1938 war sie der Gewalt des antisemitischen Mobs ausgesetzt. Ihr Ehemann Hermann, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Osnabrück war, wurde in der Pogromnacht verhaftet. Das weitere Schicksal des Ehepaares ist bislang nicht vollständig geklärt. Während ihre fünf Kinder rechtzeitig in die USA beziehungsweise nach Palästina emigrieren konnten, gibt es Hinweise darauf, dass Hermann und Paula Katzmann deportiert wurden. Ihre Spur lässt sich erst nach Kriegsende in Schweden wieder aufnehmen. Wie sie dorthin gelangten und was sie in den dazwischenliegenden Jahren durchmachen mussten, ist bislang ungeklärt.